Dunkelkammerleid

Ich liebe meinen Beruf. Ehrlich. Man hat jeden Tag eine unmögliche Aufgabe auf dem Tisch, bei den Damen wesentlich bessere Karten als Lehrer oder Beamte und alle glauben, dass man blitzgescheit und kreativ sei. Zudem – und das ist das eigentliche Thema, hat man als Texter das Gefühl, die weitaus bessere Berufswahl getroffen zu haben, als ein Berater, Projektleiter oder wie auch immer die Telefonheinis in der entsprechenden Werbeagentur heißen. Das ist so, wie bei Katzen und Menschen – im Grunde besorgen diese Leute nur das Futter, machen die Tür auf und die Sache mit dem Katzenklo wird auch irgendwie erledigt.

Locker bleiben – ich versuche etwas zu verbildlichen.

Blöderweise kommt nämlich für jeden Mensch irgendwann der Tag der Wahrheit. Die totale Desillusionierung. In meinem Fall war dies vor ein paar Wochen und hat mit Tom zu tun. Der Grund: Als ausgelagerte Marketingabteilung betreuen wir das internationale Spitzenrennteam „Black Falcon“, die, wie internationale Spitzenteams das halt so tun, halt Rennen fahren. Was Tom nun beim diesjährigen 24-Rennen erlebte, lässt arge Zweifel an meiner Berufswahl aufkommen.

Schlimme, nagende Zweifel.

Ich saß nämlich vor einem flackernden Bildschirm und klöppelte abstruse SEO Texte zusammen, als Tom all die lustigen Dinge tat, die ich immer tun wollte: hübsche Models als Gridgirls casten, spannende Events moderieren und als Kirsche obendrauf noch eine kleine, spontane Party mit DJ auf der Rennstrecke – und das sind nur die Sachen, von denen es Fotos gibt. Zu allem Überfluss konnte er es sich offensichtlich nicht verkneifen, all das auch noch richtig super gut zu machen. Alle glücklich und zufrieden. Voller Erfolg.

Ich möchte Sie alle also bitten, sich ganz genau die Fotos anzusehen. Und falls Ihr Kind irgendwann literarische Ambitionen bekommt, zu früh mit dem Lesen und Schreiben beginnt oder die Unart entwickelt Sie ständig in Ihrem Vokabular zu verbessern – dann tun Sie bitte das Richtige: Geben Sie dem Kind ein Telefon, ein Flipchart und eine fancy Brille in die Hand – und verbieten Sie ihm jegliche Kreativität. Wenn alles gut wird, bringt er Ihnen irgendwann ein Modell als Schwiegertochter und nimmt Sie mal im Cabrio mit. Oder er schenkt Ihnen gleich eins.

Gott – ich wette, das muss ich umschreiben.

Bis dahin: Sie finden mich vor dem Bildschirm. Wo ich die meiste Zeit verbringe. Und lassen Sie sich bloß nichts anderes erzählen – Sie wissen ja: ich bin Arzt. Man kann mir vertrauen.